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Neue Perspektiven: Bericht vom Deutschen Krebskongress 2018

Am 24. Februar ging mit dem Krebsaktionstag der Deutsche Krebskongress 2018 zu Ende. „Perspektiven verändern – Krebs – verändert Perspektiven“ war das Motto.  Eine Fülle von Vorträgen zur Krebstherapie, Gesundheitspolitik, Pflege, Komplementär-Medizin u.v.m. stellte die teilnehmenden Ärzte, Krankenpfleger, Therapeuten und Patientenvertreter vor die Qual der Wahl. Hier zunächst das Wichtigste zum Melanom.

Mit fast 12.000 Besuchern war der Deutsche Krebskongress 2018 ein riesiges Treffen der Experten, aber auch vieler Patientenvertreter, die sich über viele Aspekte der Krebsvorbeugung, Früherkennung und Behandlung austauschen konnten. Hinweis: Viele, aber leider nicht alle Vorträge sind – nach persönlicher Registrierung – online unter https://dkk.conference2web.com/ nachzusehen und zu hören.

Fotoausstellung beim Deutschen Krebskongress 2018

Eine bewegende Fotoausstellung gab dem DKK 2018 eine noch tiefere menschliche Dimension. Die Fotografin Nancy Borowick begleitete ihre an Krebs erkrankten Eltern mit der Kamera, zu sehen im Bildband „A Daughter’s Portrait of Love and Loss“, erschienen bei Hatje Cantz. Einige Fotos zeigte die ZEIT hier.

Die Sache mit den Statistiken

Ich kenne viele Melanom-Überlebende, und die meisten sind mir sehr ans Herz gewachsen. Deshalb habe ich ein Problem mit Überlebens-Statistiken in bunten Powerpoint-Vorträgen. Ich finde sie in Wahrheit grausam, denn sie verlaufen meist in einer abfallenden Kurve, die anzeigt, dass nicht alle Studien-Teilnehmer überleben. Die Information, dass man im Stadium X auf 3 Jahre gesehen eine Überlebensschance von Y % hilft nur sehr begrenzt. Bin ich auf der einen oder anderen Seite dieses Prozentsatzes? Und wie gehe ich mit der Unsicherheit um?

Kaplan-Meier-Kurve

Beispiel einer sog. Kaplan-Meier-Kurve, die die Überlebenszeit unter verschiedenen Medikamenten darstellt. (Abb.: Prof. Alexander Enk)

Doch wir sind auf dem Kongress um zu erfahren, was am besten hilft gegen die bedrohliche Krankheit, und da zählen nur echte Fakten. Dr. Jessica Hassel aus Heidelberg stellte Kombinationstherapien beim metastasierten Melanom vor: Aus der Checkmate 067-Studie, in der untersucht wurde, wie die Kombination zweier Immuntherapien (Ipilimumab und Nivolumab) gegenüber jeweils nur Nivolumab oder nur Ipilimumab abschnitt, gibt es jetzt Daten, dass nach drei Jahren immerhin 58 % der behandelten Patienten mit der Kombi überlebt haben. Und 52% derjenigen überlebten, die nur Nivolumab erhielten, aber leider nur 34% der Patienten, die nur Ipi bekommen haben.

Die Statistiken zeigen auch, was nicht so gut hilft. Dazu gehört leider das Interferon, das bisher adjuvant zum Einsatz kam, also bei Tumorfreiheit nach einer Operation. Nur in einer sogenannten „Subgruppe“, den Patienten mit ulzeriertem Melanom zeigt Interferon bessere Ergebnisse. „Das Bessere ist der Feind des Guten,“ lautet hier die Aussage der Experten, die froh sind, nun andere Behandlungsmöglichkeiten zu haben.

Ob die klassische Chemotherapie mit DTIC usw. beim fortgeschrittenen Melanom jemals gut war, stellten Mediziner vereinzelt während der Diskussionen zu den Vorträgen in Frage. Manche Patienten möchten lieber bis zum Schluss behandelt werden und palliativ helfe es wohl in manchen Fällen.

Die Sache mit den dünnen Melanomen

Dünne Melanome (unter 1 mm Tumordicke) haben eine sehr gute Prognose. Dennoch kommt es ganz selten auch hier zu Rückfällen. Auf dem Kongress wurde ein Verfahren vorgestellt, das anhand einer Genanalyse (GEP Score Gene Expressing Profiling) des Tumorpräparates einen Teil der Risikopatienten identifizieren konnte, die trotz eines dünnen Tumors ein erhöhtes Rückfallrisiko haben. Noch ist diese Untersuchung zu teuer und muss privat bezahlt werden, da sie nicht allgemein anerkannt ist. Und es ist auch die Frage, ob man sein individuelles Risiko in diesem Frühstadium wissen will. Das zu entscheiden, ist vielleicht auch nicht leicht, vor allem falls es dann doch keine weitere adjuvante Therapiemöglichkeit gibt.

Adjuvante Therapiemöglichkeiten

Erklärung adjuvant: In der Onkologie bezeichnet der Begriff bei Krebserkrankungen eine Therapie, die nach vollständiger operativer Entfernung aller erkennbaren Tumoranteile angewandt wird, um mögliche, bisher aber noch nicht nachweisbare Tumorabsiedlungen (Mikrometastasen) zu bekämpfen und dadurch die langfristigen Heilungsaussichten zu verbessern.

In Studien zeigt sich, dass Immuntherapien mit PD1-Blockern im Stadium III Rückfälle verhindern können, und so wird diese Behandlung vermutlich noch in diesem Jahr Standard, wie Prof. Christoph Höller aus Wien darstellte. (Das wurde auch vom ESMO berichtet und das sagt Dr. Peter Mohr auch in diesem Interview.). Und für dann trotzdem auftretende Rückfälle müssen weitere Behandlungsmöglichkeiten noch besser erforscht werden. Die Stadieneinteilung, die letztes Jahr geändert wurde, wirkt sich darauf aus, welcher Patient je nach seinem Tumorstadium welche Therapien erhält.

Die Sache mit den Antikörpern

Immer wieder entstehen leider auch Resistenzen im Verlauf einer Tumortherapie. Deshalb werden zahlreiche weitere neue Kombitherapien in Studien getestet. „Es gibt unheimlich viele Antikörper in der Pipeline“, stellte Prof. Alexander Enk von der Uniklinik Heidelberg fest. An vielen innovativen Behandlungskonzepten mit exotischen Namen (etwa IDO, Epacadostat, GITR, onkolytische Viren und LAG-3), wird derzeit intensiv geforscht. Am besten erprobt sind im Stadium jedoch die zielgerichtete und die Immuntherapie, hier in zeitlicher Darstellung.

OS bedeutet „Overall Survival“, d.h. die Gesamtüberlebenszeit. Die Linien sind z.T. deshalb so kurz, weil es für die entsprechende Therapie(-Kombi) noch keine längeren Beobachtungszeiträume gibt. DTIC war im Vergleich dazu die bisherige Chemotherapie. Abb. von Prof. Alexander Enk, adaptiert nach G.V. Long

 

Die Sache mit der gezielten Therapie

Die zielgerichtete Krebstherapie (hier die Definition) richtet sich auf Eigenschaften von Krebszellen, die gesunde Zellen nur wenig oder gar nicht betreffen. Beim Melanom sind das vor allem die sogenannten BRAF- und MEK-Inhibitoren. Auch hier wurden neue Zahlen vorgestellt. Während einzeln verabreichte Wirkstoffe nicht so gut abschnitten, sind die schon länger eingesetzten Kombinationen alle vergleichbar gut wirksam.

Nebenwirkungen spielen aber auch hier eine Rolle. In einer medizinischen Studie zu Cobimetinib und Vemurafenib mussten 18% der Patienten die Therapie deswegen komplett beenden. Das Schwierigste wird in Zukunft sein, die beste Kombination und Zeitabfolge von Immun- und gezielter Therapie herauszufinden. Auch hier die gute Nachricht: Die Kombination Dabrafenib (ein BRAF-Inhibitor) plus Trametinib (ein MEK Inhibitor) hat auch eine Wirkung bei Metastasen des zentralen Nervensystems (Gehirn).

Auch bei der zielgerichteten Therapie wird der adjuvante Einsatz untersucht. Die Ergebnisse aus Studien sind positiv, noch in diesem Jahr wird die Zulassung von Dabrafenib plus Trametinib zur adjuvanten Behandlung von operiertem BRAFV600E/K-mutiertem Melanom im Stadium III erwartet, wie Prof Carola Berking aus München berichtete.

Adjuvantes Behandlungsschema beim Melanom

Mögliches Behandlungsschema nach Prof. Carola Berking (nach Dimitriou et al: Curr Opinion Oncol 2018)

Die Sache mit der Bestrahlung

Beim fortgeschrittenen Melanom wird in bestimmten Fällen auch eine gezielte Strahlentherapie eingesetzt. In der Kombination mit der Immuntherapie wird dabei ein sogenannter abscopaler Effekt diskutiert. Demnach könnte es sein, dass die Bestrahlung während der Behandlung mit PD1-Blockern zusätzliche Antigene freisetzt. Dazu müssen noch mehr Studien gemacht werden, wie z.B. derzeit in Heidelberg die ELEKTRA-Studie. Bei Ipilimumab kombiniert mit Bestrahlung scheint es auch darauf anzukommen, ob beides gleichzeitig oder in geringem Abstand voneinander gegeben wird. Bestrahlung in Kombination mit Immuntherapie scheint vereinzelt aber auch zu Nebenwirkungen wie Lungenentzündung oder Radio-Nekrosen (Absterben von Zellen) zu führen.

Die Sache mit den Hirnmetastasen

Auch hier fällt es mir schwer, aber es muss gesagt werden: Hirnmetastasen beim Melanom sind schwer zu behandeln. Um so wichtiger sind die neuen Erkenntnisse aus der Immuntherapie kombiniert mit moderner Strahlentherapie. Der mögliche abscopale Effekt dabei wurde schon erwähnt. Bei Hirnmetastasen wird zwischen Ganzhirn- und stereotaktischer Bestrahlung unterschieden. Je nach Art und Lokalisierung gibt es unterschiedliche Nebenwirkungen. Dr. Peter Mohr stellte dar, dass die Immuntherapie in der Lage zu sein scheint, die Blut-Hirnschranke zu überwinden und deshalb auch im Gehirn gut wirkt.

Die Sache mit den Biomarkern

Prof. Andrea Tannapfel, Pathologin der Uni Bochum hielt dazu einen spannenden Vortrag. Biomarker sind bestimmte Labormesswerte, von denen man sich eine sichere Aussage z.B. hinsichtlich einer erfolgreichen Therapie X oder Y verspricht. Neben dem aktuellen Hype um Liquid Biopsy (der Prognose von Krebserkrankungen anhand von Blutuntersuchungen im Frühstadium) gibt es noch keinen Durchbruch bei den Biomarkern. Viele Untersuchungen auf solche Marker z.B. im Tumorgewebe sind noch sehr teuer bzw. rechenintensiv. Auch weichen die Messwerte in Primärtumoren und Metastasen in ca. 20 % der Fälle voneinander ab. Metastasen sollten deshalb gesondert untersucht werden. Kurz gesagt, es muss noch geklärt werden, wann man was genau misst, um dann sichere Erkenntnisse über Rückfallrisiko oder Behandlungsschema zu bekommen.

Und die Nebenwirkungen?

Dr. Peter Mohr betonte noch einmal, dass man mittlerweile viel über die Behandlung der mitunter schweren Nebenwirkungen der neuen Therapien gelernt habe. Die meisten dieser Nebenwirkungen treten in den ersten Tagen und Wochen unter der Therapie auf und sind gut behandelbar. Deshalb sei es sehr wichtig, dass die Patienten gut mit der Klinik zusammenarbeiten und diese Nebenwirkungen schnell melden.

Erfolgreicher Krebsaktionstag mit vielen Vorträgen, wichtigen Begegnungen und rund 1600 Besuchern

Kongresspräsident Prof. Wiegel mit HKND

Prof. Dr. Thomas Wiegel,
Kongresspräsident 2018 und Anne Wispler vom Hautkrebs-Netzwerk Deutschland.

Am 24. Februar konnten dann auch Betroffene und Interessierte von den vielen Infos profitieren, die es im Rahmen des DKK 2108 gab. An den Infoständen der Selbsthilfegruppen und -Verbände und der zahlreichen Initiativen, die sich in Deutschland für Krebsbetroffene einsetzen, war von morgens bis nachmittags ein reger Austausch.

Am Stand es Hautkrebs-Netzwerks und der Berliner Selbsthilfe Hautkrebs führten wir viele Gespräche mit Krebspatienten, Angehörigen aber auch zahlreichen Fachleuten aus ganz Deutschland. Und besonders motivierend ist natürlich alle zwei Jahre das Wiedersehen mit anderen Vertretern der Krebsselbsthilfe.

Bei der Vortragsveranstaltung zum Hautkrebs gaben Prof. Uwe Hillen, Chefarzt der Klinik für Dermatologie und Venerologie am Vivantes-Klinikum Neukölln, und Dr. Claas Ulrich, Leiter des Hauttumorcentrums Charité (HTCC), einen aktuellen Überblick über verschiedene Typen von Hautkrebs, dessen Entstehung und die neuesten Therapiemöglichkeiten. Sie standen anschließend bei vielen Fragen aus dem Publikum Rede und Antwort, eine gute Möglichkeit, um noch mehr Wissen über die Vermeidung und die optimale Behandlung von Hautkrebs zu vermitteln.

Anne Wispler

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